Wunderboi

Gregor Seberg

Unsere Welt ist wundervoll.
Ich wundere mich voll, dass wir immer noch da sind. Ich wundere mich, dass der liebe
Gott nicht schon längst die Geduld verloren hat und zu uns runterbrüllt: „Hallo, ich habe
euch nach meinem Ebenbild geschaffen! Da meinte ich auch das Hirn!“
Ich wundere mich auch, dass wir trotz aller Tablettchen, Zäpfchen und Kuren nicht schon
längst alle abgekratzt sind.
Ich wundere mich sehr, dass wir immer mehr Verantwortung aus der Hand geben und
glauben, das sei gut: „Oh, es tut mir leid, dass Sie tot sind, aber ich bin nicht gefahren,
das war das Auto selbst.“

Wenig wundern kann ich mich über politische Machthaber. Die waren ja immer schon
so. Die sind wie Pollen. Sie werden immer lästiger, aber man gewöhnt sich daran.
Dass man allerdings freiwillig ein Pollen sein will, wundert mich wieder.
Mich wundert, dass wir uns mit all unseren Allergien überhaupt noch vermehren, weil ich
weiß meistens nicht mehr, ob mein Gegenüber noch Leidenschaft zeigt oder schon
Asthma hat.
Mich wundert, wie wir das schaffen: seit es uns Menschen gibt, geht es sich grad so recht
und schlecht aus, dass wir nicht ausgelöscht werden oder uns selbst verräumen.
Wir finden jedoch ständig neue Methoden, um mit unserer Gattung Geisterbahn zu
fahren. Ich wage zu behaupten: Nur die dümmste aller Lebensformen ist in der Lage,
eine Atombombe zu bauen. Und am meisten wundert mich, dass wir trotz allem so
liebenswert sind.
Wunderboi